Technologiestandort Schweiz

Copied from NZZ Online: Beilagen: Medien und Informatik - 14. Mai 1999
Reference: http://www.nzz.ch/online/01_nzz_aktuell/beilagen/el_medien/01_el_medien.htm

Laufzeitumgebung in der Enge

Schweizer Firma entwickelt miniaturisiertes Java-System

Weltweit bedeutende Computerfirmen arbeiten unter Hochdruck daran, die Software- Plattform Java so klein und stabil zu machen, dass sie auch mit bescheidensten Hardware- Ressourcen anspruchsvolle Aufgaben etwa bei der Steuerung von Maschinen wahrnehmen kann. Die kürzlich gegründete Schweizer Firma Esmertec, ein Spin-off der Jungfirma Oberon Microsystems, kann seit kurzem mit Jbed ein Echtzeitbetriebssystem anbieten, das auch eine Java-Laufzeitumgebung ist und sich in einem 8-KByte-Speicher heimisch fühlt.

Vor sechs Jahren beschlossen drei ETH-Informatiker, die eben gerade den Doktorhut erworben hatten, die Produktivität aller Programmierer und die Stabilität jeglicher Software zu verbessern sowie der «Software-Krise» ein Ende zu bereiten. Sie gründeten die Firma Oberon Microsystems AG als Spin-Off-Unternehmen des ETH-Instituts für Computersysteme; Niklaus Wirth, bis vor kurzem Professor an diesem Institut, nahm im Verwaltungsrat Einsitz. Hauptprodukt von Oberon Microsystems ist eine Software-Entwicklungs- Umgebung, die einen iterativen Programmierstil in der Art von Smalltalk ohne dessen Schwerfälligkeit, die Leistungsfähigkeit von C/C++ ohne dessen Komplexität und die Benutzerfreundlichkeit von Visual-Basic ohne dessen Beschränktheit verspricht.

Reich gefüllter Werkzeugkasten

Auf der Basis der von Niklaus Wirth in der Tradition von Pascal und Modula geschaffenen Programmiersprache Oberon - von Oberon Microsystems inzwischen geringfügig erweitert und auf Component Pascal umgetauft - offeriert die Firma mit dem unter dem Namen Oberon/F bekanntgewordenen Produkt, das mittlerweile Blackbox Component Builder heisst, eine reichhaltige Entwicklungsumgebung mit visuellen Programmierhilfen und einem Framework - einer strukturierten Sammlung vorgefertigter Komponenten, zu denen etwa TCP/IP-Kommunikationsfähigkeiten oder ein SQL-Subsystem gehört. Die Programmiersprache Component Pascal lässt sich dabei von Profis für die Implementation systemnaher Dienste nutzen, dient aber gleichzeitig technisch weniger versierten Anwendern als Scripting-Sprache für die Modifikation vorgefertigter Module.

Die Entwicklungswerkzeuge von Oberon Microsystems lassen sich in verschiedene Systemwelten - es werden Versionen für Windows und Macintosh angeboten - und in verschiedene Komponentenarchitekturen integrieren. Es gibt etwa einen Übersetzer, mit dessen Hilfe sich OLE-Steuerelemente gemäss dem von Microsoft geschaffenen Common Object Model (COM) erzeugen lassen. Eine mit dem Blackbox Component Builder geschaffene Anwendung kann dem Anwender unter Windows als Container etwa Funktionen von Excel oder des Internet-Explorers zur Verfügung stellen. Der Blackbox Component Builder ist für nichtkommerzielle Anwendungen kostenlos erhältlich.

Oberon Microsystems hat für ihre Produkte eine Reihe von Auszeichnungen erhalten: 1994 wurde der Blackbox Component Builder im Rahmen der Initiative «Technologiestandort Schweiz» zur Präsentation an der Cebit 1994 eingeladen. Der Direct-To-COM-Compiler wurde vom amerikanischen Fachmagazin «Byte» als eines der besten neuen Entwicklungswerkzeuge prämiert. Auch die Referenzenliste des Jungunternehmens ist eindrucksvoll: In den USA benutzt die Nasa seine Produkte, in Deutschland der Siemens-Konzern, hierzulande ABB und Swisscom; ferner lassen grosse schweizerische Versicherungen und Banken sowie Industriebetriebe ihre Mitarbeiter bei Oberon Microsystems ausbilden.

Trotz den vielen Lorbeeren erlebten die Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Entwicklungswerkzeuge nicht den raketenhaften Anstieg, den die Jungunternehmer sich erhofft hatten. Sie mussten mit einiger Ernüchterung feststellen, dass die Software-Industrie einerseits dringend nach produktiveren Methoden für die Entwicklung robuster und zuverlässiger Anwendungsprogramme verlangt, sich aber andererseits gegenüber Innovationen wenig aufgeschlossen zeigt. Sie kamen zur Einsicht, dass der Markt für die vielversprechenden, aber auch anspruchsvollen Techniken des Komponenten-orientierten Programmierens zuerst vorbereitet werden muss. So ergab sich eine Erweiterung der Unternehmenstätigkeit von Oberon Microsystems um den Bereich der Schulung. In diesen Kursen spannt sich die Thematik von der allgemeinen Einführung in die Technologie der Komponentensoftware bis zur detaillierten Präsentation der miteinander konkurrenzierenden Komponentenstandards. In diesem Bereich haben sich die Mitarbeiter von Oberon Microsystems ein umfassendes Fachwissen erworben, das sie im Rahmen von Beratungsaufträgen auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellen.

Laufzeitumgebung ohne Auslauf

Vor einiger Zeit wurde Oberon Microsystems auf eine ETH-Entwicklung aufmerksam, die ursprünglich am Institut für Robotik bei Professor Gerhard Schweitzer entstanden war. Es handelte sich dabei um ein Minibetriebssystem mit Fähigkeiten zur Echtzeitverarbeitung (Real Time Operating System, RTOS). Dank seinen bescheidenen Hardware-Anforderungen eignete es sich als Basissoftware für Computer, die nicht als solche in Erscheinung treten, sondern als Embedded systems in andere Geräte eingebaut sind, beispielsweise zur Steuerung und Überwachung von Industrierobotern oder von Bremssystemen in Eisenbahnzügen. Es wurde beschlossen, dieses RTOS nach den Bedürfnissen der Industrie und mit Hilfe der eigenen Programmierwerkzeuge zu überarbeiten und zu kommerzialisieren. Ein offensichtliches Bedürfnis der Industrie bestand darin, bei Embedded-systems-Anwendungen auch Java einzusetzen. Weil es sich beim neuen Produkt um ein embedded Java-System handelt, erhielt es den Namen Jbed.

Es gelang den Entwicklern, das Jbed-Betriebssystem - im Gegensatz zu andern Java-Implementation in diesem Bereich - sowohl sehr kompakt als auch sehr schnell zu gestalten. Die Java-Laufzeitumgebung ist bei Jbed kein Zusatz, der nachträglich einem Betriebssystem-Kernel aufgepfropft worden ist, der Kernel selbst ist die virtuelle Maschine. Jbed wird in verschiedenen Varianten angeboten, von denen die leistungsfähigste auch Internet-Standards wie TCP/IP oder HTTP unterstützt und sich somit als äusserst schlanker Internet-Server einsetzen lässt. In der einfachsten Variante gibt sich das System mit acht KByte Festwertspeicher zufrieden, in der Web- Server-Ausführung werden 128 KByte belegt.

Ende gut

Weil Jbed als Betriebssystem-Software aber seiner Natur nach über den Tätigkeitsbereich hinausragt, auf den sich die Oberon Microsystems fokussiert, war den Verantwortlichen von Oberon Microsystems bald klar, dass sie für die Betreuung ihres neuen Produktes ein eignes Umfeld schaffen mussten. Dies wurde mit der Esmertec AG realisiert, einem Unternehmen, das in den letzten Wochen gegründet wurde. Für Oberon Microsystems hat diese juristische und kommerzielle Trennung - die Rechte am Jbed-Betriebssystem wurden der Esmertec übertragen - den Vorteil, dass sich das Unternehmen wieder ganz darauf konzentrieren kann, die Produktivität aller Programmierer und die Stabilität jeglicher Software zu verbessern sowie der «Software-Krise» ein Ende zu bereiten.

Gregor Henger

Neue Zürcher Zeitung, 14. Mai 1999